Organisationsverschulden

Dass Menschen Fehler machen, gilt auch im medizinischen Bereich. Erleichtert wird das Auftreten von Fehlern durch zeitlichen oder wirtschaftlichen Druck, hohe Arbeitsbelastung oder Personalmangel. Durch solche Strukturen ist es möglich, Patienten schwer und dauerhaft zu schädigen.

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Arzthaftung – Organisationsfehler im Gesundheitswesen

Die hin und wieder in Krankenhäusern anzutreffende Hektik kann ebenfalls Fehler hervorrufen. In solchen Situationen kommt es vor, dass Vorschriften ignoriert und Pflichten umgangen werden. Ein Patient kann Schadensersatz verlangen, wenn er durch medizinische Fehler Schaden erlitten hat. Liegt der Schaden an mangelhafter Organisation, muss das Krankenhaus oder sein Träger beweisen, dass kein Organisationsverschulden vorliegt. Das bedeutet kurz gesagt: Das Krankenhaus hat alles Notwendige getan, um eine Gefährdung der Patienten zu vermeiden. Es lässt sich nicht immer ohne Weiteres feststellen, ob tatsächlich ein Organisationsverschulden vorliegt. Wer den Verdacht eines Organisationsfehlers hat, sollte einen Fachanwalt für Medizinrecht kontaktieren. Diese sind Experten für Arzthaftungsrecht. Sie kennen die komplexen Gegebenheiten bei den möglichen Organisationsmängeln und haben die entsprechende Fachkenntnis.

Beherrschbares Risiko

Die medizinische Organisation – eine Praxis oder ein Krankenhaus – ist so zu führen, dass die Sicherheit der Patienten nicht in Gefahr ist. Da man sich des prinzipiellen Fehlerrisikos bewusst ist, ist in diesem Zusammenhang auch die Rede vom beherrschbaren Risiko.

Typische Organisationsfehler im Bereich der Arzthaftung

Zu den Organisationspflichten gehört die regelmäßige Wartung der medizinischen Geräte. Ist ein Gerät defekt, ist dies als Organisationsfehler zu werten. Anders ist dies, wenn die Klinik nachweisen kann, das Gerät regelmäßig gewartet zu haben. Dann konnte mit dem Defekt nicht gerechnet werden und die Klinik hat sich nichts zu schulden kommen lassen. Weitere recht typische Organisationsfehler in Krankenhäusern sind unter anderem die Folgenden:

  • Der Hygienestandard wird nicht eingehalten: Dies kann gefährliche Infektionen nach sich ziehen.
  • Der Patient wurde falsch gelagert: Neben schmerzhaften Druckstellen können Nervenbahnen und Blutgefäße geschädigt werden. Dies kann Lähmungen zur Folge haben.
  • Nichtärztliches Personal: Auch nicht geregelte Abläufe oder mangelnde Überwachung beim Pflegepersonal können Organisationverschulden bedeuten.
  • Fehlgeleitete Kommunikation: wichtige Informationen gehen unter oder landen an der falschen Stelle.

Ein Organisationsfehler kann unter anderem in den folgenden Fällen vermutet werden:

  • Der Patient wurde nur oberflächlich untersucht.
  • Befunde sind in die Planung der Behandlung nicht eingeflossen.
  • Hygienevorschriften werden nicht eingehalten.

Primäre und sekundäre Organisationsfehler

Wenn die Organisation einmal in Gang gesetzt ist, ist die Arbeit an der Organisation noch lange nicht beendet. Dann nämlich müssen geeignete Maßnahmen aufgesetzt werden, die die Organisation kontrollieren und überwachen. Dies gilt für die Struktur der Organisation ebenso wie für die Formen der Organisation und ihre Zweckerfüllung. Stellen sich dabei Mängel dar, sind diese zu beseitigen. Im Rahmen des Qualitätsmanagements erfolgt also die Kontrolle. Zu prüfen ist, ob den eingesetzten Maßnahmen Folge geleistet wird, ob sie wirksam sind oder ob sie zu verbessern sind. Wenn diese Kontrolle ausbleibt, kann eine sekundäre Sorgfaltspflicht vorliegen, wegen der das Krankenhaus haftbar ist.

So kam ein Kind mit schweren Geburtsschäden auf die Welt. Der Grund für die Schäden war, dass der Belegarzt vom Einsetzen der Wehen zu spät unterrichtet worden war. Statt den Belegarzt zu informieren, hatten Pflegekräfte selbständig Maßnahmen zur Entbindung getroffen. Der Krankenhausträger wurde vom Gericht als verantwortlich angesehen. Er hätte dafür Sorge tragen müssen, dass der Belegarzt das Pflegepersonal entsprechend anweist.

Pflichten zur Vermeidung von Organisationsfehlern

Sicher jeder hat schon mal von dem kolportierten Fall gehört, dass einem Patienten das falsche Knie operiert wurde. Nach der Behandlung hatte er zwei kranke Knie. Wenn erforderliche Maßnahmen ausbleiben oder wenn die falschen Maßnahmen erfolgen, kann dies an Organisationsversagen liegen. In einem gut organisierten Haus wird Fehlern mit durchdachten Abläufen begegnet. Befunde und die Ergebnisse von Untersuchungen stehen dann für alle nachvollziehbar zur Verfügung. Die Informationen sind sorgfältig festgehalten, sodass daraus keine falschen Schlüsse gezogen werden.

Ein Arzt, eine Arztpraxis oder eine Klinik ist in der Pflicht, sämtliche Behandlungen und Eingriffe in sachgerechter Weise zu koordinieren und zu überwachen. Die Pflichten umfassen:

  • Die Einhaltung der Hygienevorschriften
  • Für Therapie und Eingriffe notwendige Medikamente, Hilfsmittel und Materialien sind in passender Menge vorzuhalten
  • Das Personalhandeln ist entsprechend zu überwachen
  • Apparate und Geräte sind angemessen zu warten.

Die Verkehrssicherung gehört ebenfalls zu den Sorgfaltspflichten in einer Organisation. Dies betrifft die Beleuchtung, Stolperfallen und die Vermeidung von besonderen Gefahren für Suizidgefährdete oder von kleinen Kindern. Auf höherer Ebene ist dafür zu sorgen, dass die Klinik so organisiert ist, dass sie ihren Aufgaben gerecht werden kann. Dafür muss zum Beispiel eine passende Rechtsform gefunden werden. Die Abteilungen sind adäquat zu organisieren, das Personal so zu führen, anzuleiten und einzuteilen, dass es ebenfalls den Aufgaben der Organisation gerecht werden kann. Bereits bei der Anstellung von Personal gehört es zu den Organisationspflichten, dass nur fachlich unzweifelhaft geeignete Personen ausgewählt werden. Es ist sicherzustellen, dass genügend Personal eingestellt ist. Bei der Einteilung der Dienste ist darauf zu achten, dass sich niemand überlastet.

Medizinische Fehler, die dem Organisationsverschulden zuzuschreiben sind, entstehen also nicht als konkretes Fehlverhalten von Individuen. Individuelles Fehlverhalten ist etwa bei Behandlungsfehlern oder Aufklärungsfehlern der Fall.

Organisationsmängel in der Medizin

Die Arbeitsteilung im medizinischen Bereich macht eine entsprechende Organisation unerlässlich. Bei einer Behandlung, einem Eingriff oder einer Therapie sind regelmäßig Fachkräfte aus unterschiedlichen Disziplinen zugegen. Mit der Arbeitsteilung steigt die Fehlerwahrscheinlichkeit. Da jeder seinen Fachbereich abdeckt, haftet ein Facharzt haftet nicht für den Fehler eines anderen. Die Ärzte sind nicht verpflichtet, sich gegenseitig zu überwachen. Sie dürfen ihren Kollegen und deren Meinung vertrauen. Diesem Vertrauensprinzip sind freilich auch Grenzen gesetzt. Es mag Hinweise darauf geben, dass Misstrauen geboten ist. So hatte sich eine Stationsärztin in Weiterbildung vor Gericht auf die Anweisungen des Chefarztes berufen. Sie war bei einer Geburt zu spät gegen die Unterversorgung mit Sauerstoff vorgegangen. Die Maßnahmen habe sie mit dem Chefarzt besprochen, der auch derjenige war, der Maßnahmen anordnete. Sie berief sich auf das Vertrauensprinzip. Das Oberlandesgericht Brandenburg befand, dass dieses nicht zwingend greife, wenn die Organisationsstruktur nicht entsprechend ist.

Um Fehler und gravierende Schäden für die Patienten zu vermeiden, sind die Abläufe entsprechend zu strukturieren. Dies dient auch der Entlastung der Mitarbeiter in der Arztpraxis oder im Krankenhaus. Im Idealfall ist die Struktur so engmaschig gehalten, dass entweder Fehler vermieden werden oder Probleme rechtzeitig entdeckt werden können. Notwendig ist es etwa, dass sich das Personal am richtigen Ort befindet. Auch die notwendigen Instrumente und Medikamente müssen in ausreichender Menge an Ort und Stelle sein. Die Hygienevorschriften sind einzuhalten und zu überwachen. Informationen müssen an die richtige Abteilung und an die richtige Person weitergeleitet werden. Wenn solche oder ähnliche Maßnahme nicht getroffen sind oder ihre Überwachung fehlt, ist dies ein Organisationsfehler.

Teilung der Haftung

Manche Behandlungsfehler entstehen auch durch Übermüdung. So kann es passieren, dass ein Arzt nach 24 Stunden Bereitschaftsdienst nicht nach Hause gehen darf. Von seinem Chef erhält er vielmehr die Anweisung, weiterzuarbeiten. Schädigt er in dieser Verfassung Patienten, sind sowohl er als auch der leitende Arzt bzw. der Krankenhausträger verantwortlich. Dem Krankenhausträger ist Organisationsverschulden anzulasten. Er hat dafür zu sorgen, dass das Personal nicht dermaßen überlastet ist. Derartige Engpässe sind dadurch zu vermeiden, dass eine entsprechende Personaldecke vorhanden ist. Auch die Personal- und Einsatzpläne sind so zu halten, dass überlange Dienste und gesundheitlicher Schaden der Patienten vermieden wird.

Der fehlerhaft behandelnde Arzt ist ebenfalls in Haftung zu nehmen. Er hat trotz Übermüdung weitergearbeitet. Dabei ist ihm ein Behandlungsfehler unterlaufen und ein Patient wurde geschädigt. Vernachlässigt hat er also nicht nur seine Pflicht den Patienten gegenüber. Er hat gleichzeitig dafür gesorgt, dass gegen gesetzliche Regelungen zu den Arbeitszeiten verstoßen wird.

Schäden wegen Organisationsfehlern

Wegen grober Organisationsfehler sprach das Oberlandesgericht Zweibrücken einem bei der Geburt geschädigten Kind Schmerzensgeld und Schadensersatz zu. Es litt wegen des Geburtsschadens unter einer verlangsamten Entwicklung im Spracherwerb, einer Fehlstellung des Hüftgelenks und unter Bewegungsstörungen. Zum Geburtsschaden hat nicht die Fehlentscheidung eines Arztes oder einer Hebamme geführt. Vielmehr war das Krankenhaus nicht auf Notfälle bei der Geburt eingerichtet. Es gab keinen Anästhesienotdienst, der sich in Bereitschaft hielt. Stattdessen musste ein Anästhesist aus einem anderen Krankenhaus in der Nähe kommen. Seine Anfahrt nahm ungefähr 20 bis 40 Minuten in Anspruch. Außerdem fehlte dem Krankenhaus ein gynäkologischer Bereitschaftsdienst. Ein niedergelassener Gynäkologe assistierte bei Geburten und wurde dafür ebenfalls extra in die Klinik gerufen.

Die werdende Mutter hätte nicht zur Entbindung im Krankenhaus aufgenommen werden dürfen. Der Belegarzt wartete mit dem Kaiserschnitt auf einen Anästhesisten, obwohl er sich über die Anfahrtszeit im Klaren war. Den fehlenden ärztlichen Bereitschaftsdienst der Anästhesie wertete das Gericht als Organisationsfehler seitens der Krankenhausverwaltung.

In einem anderen Fall war ein Anästhesist an drei Operationstischen gleichzeitig eingeteilt. An einem wurde eine Bandscheibe operiert. Der Patient erlitt einen schweren Hirnschaden in Folge der Blockade einer Beatmung. Für diesen Schaden wurde der Träger des Krankenhauses zur Verantwortung gezogen. Das Gericht war der Meinung, dass klare Anweisungen hätten den Standard festlegen und gewährleisten müssen, der für Narkoseärzte gilt.